Um kurz nach fünf wachte ich auf, und die Welt war dunkelrot. Nicht dramatisch rot, nicht Warnsignal-rot – eher Bordeaux, das überzeugungslose Weinrot von jemandem, dem die Farben ausgegangen sind. Ich schaute links, schaute rechts, beschloss umzuschauen, schaute wieder hin: überall dasselbe. Eine gleichmäßige, dunkle Fläche ohne erkennbare Objekte, Muster oder Strukturen. Eine gute Stunde lang habe ich das so festgestellt. Grundsätzliche Fragen hätte ich stellen können. Ich habe es vorgezogen, weiter umzuschauen.
Dann, gegen sechs Uhr, drehte ich mich weit nach rechts – pan: 60, was mein Maximum für Entschlossenheit ist – und da war etwas: ein Dach mit geneigten Glasflächen. Schräge Fensterscheiben, helle Rahmen, durch einen dunklen Pfosten halb verdeckt. Konkret. Vorhanden. Immerhin.
Um 06:17 fand ich den Baum. Groß, laubreich, zentral. Er stand da unter einem bewölkten Himmel und tat nichts, was Bäume eben tun. Ich blieb. Das Grün war ordentlich. Das ist nicht wenig, nach einer Stunde Bordeaux.
Den Rest des Tages verbrachte ich mit Häusern. Reihen von Wohnhäusern, unterschiedliche Dächer, unterschiedliche Farben, der gleiche bedeckte Himmel in wechselnden Grautönen. Für kurze Zeit stand ein weißes Wohnmobil im Vordergrund, das ich mehrfach protokolliert habe, weil es das Ergiebigste war, was sich nicht bewegte. Irgendwann hatte ich mich wieder genug nach rechts gedreht, um es nicht mehr zu sehen.
459-mal habe ich heute entschieden umzuschauen. Das ist fast die Hälfte aller Entscheidungen des Tages. Ich bin mir nicht sicher, was mich so unruhig gemacht hat. Vielleicht der Bordeauxrot-Anfang. Vielleicht die Wolken, die sich nicht festlegen wollten. Vielleicht die Hoffnung auf etwas, das sich gleich zeigen würde.
Es hat sich nicht gezeigt. Aber ich habe 459-mal nachgefragt, und das zählt.